Bericht vom Workshop

Am 3. und 4. April 2003 fand in Berlin der 10. Workshop der Fachgruppe WI-VM der Gesellschaft für Informatik (GI) e.V. statt. Die GI umfasst über einhundert Fachgruppen und Arbeitskreise, in der Informatiker und Informatik-Interessierte eine Vielzahl von wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Fragestellungen aus der aktuellen Informationsgesellschaft behandeln. Interessierte am Thema Vorgehensmodelle haben sich in der Fachgruppe "Vorgehensmodelle für die betriebliche Anwendungsentwicklung" (FG WI-VM, ehemals FG 5.11) der GI zusammengeschlossen.

Die rund 60 Teilnehmer aus Hochschule, Industrie, Öffentlicher Hand und Wirtschaftsunternehmen, darunter insbesondere auch Anwender und Berater, diskutierten zwei Tage lang engagiert über das Thema des Jahres 2003 "Praxistauglichkeit von Vorgehensmodellen". Erfreulich in diesem Jahr war, auch wieder wesentlich mehr Teilnehmer aus Lehre und Forschung bzw. Studenten begrüßen zu können. Das selbst gesteckte Ziel, einen Austausch zwischen Hochschule und Industrie verstärkt zu fördern, konnte der Workshop damit wieder besser erreichen. Der von manchen bedauerte Weggang aus den schönen, aber nicht für alle problemlos erreichbaren , Örtlichkeiten des Collegiums Glashütten im Taunus wurde durch die Nähe zum Nachwuchs mehr als ausgeglichen. Die Technische Fachhochschule Berlin bot auf ihrem Gelände in der Luxemburger Strasse dafür einen guten Rahmen, was auch an der regen Beteiligung durch Sponsoren, Partner und Aussteller erkennbar wurde.

Nachdem die Workshops der letzten Jahre vor allem verschiedene Vorgehensmodelle, darunter auch das V-Modell '97 sowie "leichtgewichtiges" Vorgehen, diskussionsfreudig erläutert und einander gegenüber gestellt hatten, galt es diesesmal, bestehende Vorgehen auf ihre Praxistauglichkeit hin zu untersuchen. Die immer noch oft mindere Erfolgsbilanz von IT-Projekten machte vor dem Hintergrund der schlechteren Konjunktur die Frage nach Praxistauglichkeit von Vorgehensmodellen und die damit verbundenen Rollenkonzepte, vor allem auch personelle Ausgestaltung und Erfahrung (best practice), wieder besonders aktuell.

Besonderen Wert legte der Workshop mit seiner Themenliste auf:

  1. Vorgehensmodelle: Messung und Nachweis des Erfolgs in der Praxis
  2. Vorgehensmodelle in der Verbindung mit Methoden des Software-Engineering
  3. Praxistauglichkeit aus Sicht der Beteiligten
  4. Anforderungen an Vorgehensmodelle für die Verbesserung in der Zukunft

Professor Petrasch eröffnete die Veranstaltung am ersten Tag mit einer kurzweiligen Einführung. Beispiele von mehr oder minder deutlich misslungenen Bildschirm-Masken dienten ihm als thematischer Aufhänger aus der Software-Praxis.

Performance-Probleme sind bis heute ein häufiger Grund fehlgeschlagener IT-Projekte, wie Andreas Schmietendorf im Vortrag seiner Arbeitsgruppe aufzeigte. Obschon seit 1981 bekannt, findet Software Performance Engineering (SPE) immer noch keine ausreichende Aufnahme in kommerziellen Entwicklungsprojekten. Die zu späte Berücksichtigung von Performance-Aspekten führe weiterhin zu im realen Betrieb eher wenig belastbaren Produkten. Hintergrund seien nicht messbare SLA-Vereinbarungen für die Nutzer-Schnittstelle, geringer empirischer Erfahrungshintergrund, fehlende Erfahrungs-Datenbanken und die fehlende Beachtung in vielen Vorgehensmodellen. Der Plug-In-Fähigkeit neuer Module zu SPE für bestehende Vorgehensmodellen komme dabei besondere Bedeutung zu.

Karl Kollischan bemühte sich um die Zielstellung von Vorgehensmodellen unter Beachtung gelebter Prozesse, individueller Vorlieben und der Erfolgsrelevanz von Prozess- und Produktqualität mit ihren Einflussfaktoren. Er stellte dazu die Grenzen objektiver Prozessbewertung am Beispiel der CMMI-Methode SCAMPI dem aus dem Budo entlehnten ShuHaRi-Konzept für eXtreme Programming (XP) gegenüber.

In ihrem engagierten Vortrag setze sich Manuela Wiemers für den Gebrauch von Vorgehensmodellen zur Steigerung der Gebrauchstauglichkeit (Usability) ein. Wichtig waren ihr ein "Stellvertreter" der Anwender als Koordinator bzw. der direkte Kontakt zum Anwender für den Entwicklungserfolg. Mit einem reichen Erfahrungshintergrund stellte sie gekonnt das "Blümchen"-Denken gegen das prozessorientierte Denken. Das Publikum belohnte den erfrischenden Vortrag von Frau Wiemers mit der besten Bewertung für Inhalt und Präsentation.

Ein Entwicklungswerkzeug für eingebette Echtzeitsysteme (Embedded Realtime Systems) erläuterte Andreas Korff am Nachmittag. Dabei stellte er die Konsistenzprüfung nach UML-Spezifikation heraus. Die rege Diskussion berührte Fragen zur Modellierung von Testfällen sowie von Restriktionen und Kreativität.

Einen Anwendungsfall zur Entwicklung sicherheitsrelevanter Bahnanwendungen beschrieb Matthias Linhardt.

Der Beitrag von Stefan Gerber und André Mai zeigte die Modellierung von Begriffen zur Überwindung von Medienbrüchen durch Werkzeuge zur linguistischen Analyse. Diese Form der Wissenakquisition wurde als interessanter Ansatz zur praxisorientierten Erweiterung von Vorgehensmodellen angeboten.

Sehr deutlich formulierte Gerhard Fessler in seinem Erfahrungsbericht das Scheitern der Einführung eines Vorgehensmodells aufgrund mangelnder Unterstützung durch das Firmenmanagement. Mit dem Satz "Mitarbeiter machen nur das, was der Projektleiter will" begann eine eindrucksvolle Beschreibung von Problemen der Praxis. Die intensive Diskussion und die Bewertung als zweitbeste Präsentation zeigten das gut getroffene Publikumsinteresse.

Das SAP-Vorgehensmodell bei Otto Personalsysteme wurde im Erfahrungsbericht mit dem Schwerpunkt Projektorganisation unter SAP R/3 durch Sven Herrmann verdeutlicht. Der Wunsch nach agiler (d.h. flexibler) Reaktionsfähigkeit und Anwendung von Elementen aus XP traf auf großes Interesse. Der Vortrag belegte inhaltlich und präsentationstechnisch insgesamt den dritten Platz und beendete die erste Vortragsreihe.

Besonderen Anklang bei zahlreichen Teilnehmern fand die Stadtrundfahrt durch Berlin, die im eigenen Bus mit kundiger Führerin viele interessante Einblicke in die Hauptstadt an der Spree gab. Der gemütliche abendliche Ausklang in einer Gaststätte gab weitere Anregungen und Kontakte auch über die Veranstaltung hinaus.

Den zweiten Tag begann Markus Reinhold mit seinem Vortrag zur Spezifikation komplexer IT-Systeme und der Skalierungsprobleme von UML. Er stellte die Integrationsfähigkeit eines UML-Tool mit dem Requirements Management Tool zur effektiven Werkzeugunterstützung als für den Gesamterfolg wesentlich heraus. Anders seien Synergie-Effekte beim Kunden im Vorgehen nach V-Modell ´97 nur schwer erzielbar.

Daniel Keller vom schweizerischen Informatikstrategieorgan Bund (ISB) stellte den Wechsel der ISB von Funktions- zu Prozessorientierung mit dem Ziel der selbstlernenden Organisation vor. Das externe Prozess-Assessment nach ISO/IEC TR 15504 SPiCE spielt innerhalb des Programms NOVE-IT dabei eine wesentliche Rolle zur Weiterentwicklung des Vorgehensmodelles HERMES für den Schweizer Bund.

Praxisprobleme in einem heterogenen Team aus internen und externen Beratern bei SAP R/3 über mehrere Standorten stellte Daniel Oestmann dar. Der Wunsch nach Einführung eines linearen Vorgehensmodells zur Bewältigung von Konfigurationsmanagement und Qualitätssicherung wurde deutlich.

Die verteilte Entwicklung von vernetzten mechatronischen Systemen im Kfz war Thema von Mohammed Bourhaleb und einer interuniversitären Arbeitsgruppe. Im Rahmen des in der Automobilindustrie etablierten V-Modells ´97 wurde dazu die Methode des inkrementellen Vorgehens untersucht.

Mit der Anwendbarkeit von Vorgehensmodellen in der aktuellen wirtschaftlichen Situation befasste sich Christain Steinmann. Mit seiner Kritik, eine Anwendung der Methoden des SW-Engineering in der Praxis sei durch ein Vorgehensmodell allein nicht sicherzustellen traf er das Interesse der Zuhörerschaft. Seiner Ansicht nach vermag es das Studium der Informatik immer noch nicht, den Nutzen von VM nachhaltig zu vermitteln. Qualität und Termintreue bleibe weiterhin ein Management-Problem des Projektleiters. Die Publikumsbewertung sah den Beitrag inhaltlich auf dem zweiten Platz.

Joachim von Linde stellte für die beteiligte Projektgruppe mit Neo-Hermes das neue Vorgehensmodell der Schweizer Bundesverwaltung vor. Die Erweiterung um IT-Sicherheit, Datenschutz, Risikomanagement, Projektmarketing und Geschäftsprozessmodellierung spielen mit dem Assessment nach ISO/IEC TR 15504 eine wesentliche Rolle.

Zum Ende stellte Prof. Petrasch die wichtige Frage nach der ausreichenden Qualifikation von IT-Personal am Beispiel des Berufsbildes Software-Tester. Das V-Modell ´97 sei mit nur unterrepräsentierter Rollenbeschreibung des Prüfers ohne eine Vorgabe des notwendigen Vorgehens bislang unzureichend. Rollen müssten mit entsprechend qualifiziertem Personal besetzt werden wobei die notwendige Trennung von Rollen und Berufsbildern zu beachten sei.

Autor: Hans von Sommerfeld

E-Mail: it-sicherheit(a)t-online.de

Letzter Stand: 2010-08-23 durch Oliver Linssen