Bericht vom Workshop

Autor: Michael Tonndorf

Am 7. und 8. März 2001 fand in der angenehmen Atmosphäre des Collegiums Glashütten im Taunus der 8. Workshop der Fachgruppe WI-VM (ehemals 5.11) der Gesellschaft für Informatik (GI) statt. Die Gesellschaft für Informatik e.V. (GI) umfasst über einhundert Fachgruppen und Arbeitskreise, in der Informatiker eine Vielzahl von wissenschaftlichen und aktuellen Fragestellungen bearbeiten. Interessenten am Thema Vorgehensmodelle haben sich in der Fachgruppe WI-VM der GI Vorgehensmodelle für die betriebliche Anwendungsentwicklung zusammengeschlossen.

Die rund 60 Teilnehmer von Hochschulen, Industrie und Wirtschaftsunternehmen, besonders Finanzdienstleistern und Beratungsunternehmen, diskutierten zwei Tage lang engagiert über das Thema des Jahres 2001 Leichte Vorgehensmodelle. Was ist darunter zu verstehen? Unstrittig ist, dass der angemessene Einsatz eines Vorgehensmodells bei der Entwicklung von professionellen IT-Systemen allgemein als notwendig angesehen wird. Gleichzeitig bedeutet die Entwicklung und unternehmensweite Einführung eines Vorgehensmodells einen Aufwand, fachlich und organisatorisch, damit personell und kostenmäßig. Die Furcht vor einem unkalkulierbaren Aufwand bei der Einführung und Verwendung eines Vorgehensmodells überlagert dabei oft genug den erwarteten Nutzen:

  • Begriffliche Grundlagen für den SW-Entwicklungsprozess,
  • Definierte und damit wiederholbare Prozesse,
  • Gesamtrahmen für den Einsatz von Methoden und Werkzeugen im SW-Entwicklungsprozess,
  • Standard für die SW-Dokumentation,
  • Übertragung von etablierten "best practices" auf neue Projektsituationen,
  • Bereitstellung von Einstiegspunkten für Projektmanagement und Qualitätsmanagement in das Projekt,
  • Vertragsbasis für Ausschreibungen, Kooperationen, usw.

Das Thema Wirtschaftlichkeit von Vorgehensmodellen war bereits einer der Schwerpunkte der Tagung im Jahr 2000. Neben dem Versuch, die Kosten eines Vorgehensmodell-Einsatzes zu quantifizieren, werden aber auch ganz neue Wege gegangen. Diese Ansätze können unter dem Stichwort "minimale" oder "leichte" Vorgehensmodelle zusammengefasst werden. Vorbild dazu sind die in der englischsprachigen Literatur schon seit längerer Zeit grassierenden lightweight processes. Leitgedanke ist es dabei, nur die Teile eines Vorgehensmodells anzuwenden, die in einem IT-Projekt unbedingt erforderlich sind. Es stellt sicht natürlich sofort die Frage, wie und durch wen festgestellt werden kann, was in einem Projekt "unbedingt erforderlich" ist. Mit dieser Frage beschäftigte sich auch der eingeladene Vortrag von Jens Coldewey, München: Agile Prozesse (Anm. des Verfassers: das im Englischen wie Deutschen in der gleichen Bedeutung verstandene Adjektiv agil soll zukünftig das missverständliche Adjektiv leicht bzw. leichtgewichtig ersetzen.) Coldewey plädierte dafür, Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen, z.B. die These, dass zu einem guten IT-System auch ein gut dokumentierter Code gehört. Würde ein IT-Anbieter z.B. auf dem Gebiet des E-Business oder des E-Commerce diese Forderung strikt durchhalten, dann wäre er schlicht nicht überlebensfähig - sobald er seinen Code ordentlich dokumentiert hätte, käme die Konkurrenz gerade mit der übernächsten Version ihres Produkts auf den Markt. Wohltuend ist, dass Coldewey nicht eine allein erfolgbringende Methode zur Lösung dieses Konflikts vorschlägt, sondern ein Bündel von Ansätzen vorstellt und diskutiert. Allerdings muss auch klar sein, dass nicht jede Art von SW-Erstellung in einer derart extremen Wettbewerbs- und Terminsituation stattfindet - man denke nur an Software in sicherheitskritischen Systemen, deren Fehlfunktion weitreichende Konsequenzen haben kann. Dort ist der Einsatz eines Vorgehensmodells auch nur eine Maßnahme unter mehreren, um die Erfüllung von Qualitäts- und Zuverlässigkeitsanforderungen sicherzustellen.

Im Zusammenhang mit agilen Prozessen wird auch häufig die Frage erörtert, ob ein Ansatz wie Extreme Programming (XP) als Vorgehensmodell bezeichnet werden kann. Peter Wendorff von der ASSET GmbH in Oberhausen beleuchtete das Thema XP unter Managementaspekten, und stellte verblüffende, elementare Defizite fest. So lange in XP Themen wie "Staffing", "Leading" und auch "Controlling" gar nicht oder nur rudimentär angesprochen werden, kann XP wohl zu recht nicht Vorgehensmodell genannt werden, mögen einzelne Aspekte aus XP auch noch so faszinierend sein.

Eine Reihe weiterer Vorträge enthielten Erfahrungsberichte mit dem V-Modell `97 des Bundes. Für das V-Modell, dessen Philosophie ja gerade die projektspezifische Anpassung ist, ist ein "extremes Tailoring", d.h. ein extremes Verschlanken des vollen Regelungsumfanges, eine besonders häufig diskutierte Vorgehensweise, um das "unbedingt erforderliche Mindestmaß" für die Projektarbeit zu finden. Beispiele hierzu lieferten die Beiträge Mindestanforderungen im V-Modell '97 aus der Sicht von UNiQUARE, Martin Reichmann, UniQUARE Financial Solutions GmbH; Ein minimales Vorgehensmodell zur benutzerzentrierten Entwicklung ergonomischer Web-Anwendungen mit dem Schwerpunkt ´Navigation´, Roland Petrasch, Private Hochschule NORDAKADEMIE und V-Modell im eBusiness-Bereich, Thomas Blum, GIP AG, Mainz. Alle drei Autoren machten gute Erfahrungen bei der Anwendung des V-Modells und betonten die Notwendigkeit eines Prozessleitfadens im Projekt.

In zwei Beiträgen stand das Phänomen der "Open Software" im Vordergrund: warum teure Software-Projekte, wenn es auch freiwillig und kostenlos geht? Stefan Koch, Wirtschaftsuniversität Wien, räumte in seinem Beitrag Entwicklung von Open Source und kommerzieller Software: Unterschiede und Gemeinsamkeiten mit einigen dieser Mythen auf und gab gute Begriffsdefinitionen. Auch stellte er klar, dass Open Source Software-Entwicklung nicht als Vorbild für ein minimales Vorgehensmodell taugt. Carla Freericks von der Universität Bremen stellte den Stand des V-Modell-/Internet Projekts "GDPA" der Universität Bremen dar (V-Model Open Source). Wer das V-Modell `97 lernen und anwenden will, findet auf den Webseiten der Universität Bremen einen reichhaltigen Baukasten dafür.

Nur indirekt mit dem Thema der Veranstaltung in Verbindung standen die zwei Vorträge von Markus Reinhold (COCOO Putzbrunn) Rational Unified Process 2000 versus V-Modell 97 und Bernd Nawrot (MicroTOOL GmbH, Berlin) Chancen einer maschinell gestützten Prozesssteuerung von IT-Projekten, gleichwohl waren die Beiträge für Vorgehensmodell-Anwender von großem Interesse.

Dr. Kneuper, neben Manuela Wiemers Organisator der Veranstaltung, versuchte in seinem Beitrag Ein Vorgehensmodell zur Durchführung von Vorgehensmodell-Workshops einem potentiellen Organisator des Workshops 2002 die Arbeit schmackhaft zu machen. Das Konferenzpapier enthält eine umfassende Checkliste, die für jeden Organisator einer Fachtagung von Nutzen sein kann. Gleichzeitig ist es ein Beleg für die Universalität von generischen Vorgehensmodellen, hat man erst einmal die richtigen Tailoring-Regeln.

Manuela Wiemers, Gorbit mbH Bergisch-Gladbach, fasste den Stand der Diskussion zum Thema "Leichte Vorgehensmodelle" zusammen und zeigte deutlich die Defizite der verschiedenen neuen Ansätze auf (Kombination verschiedener Vorgehensweisen - Prozessarten). Es gibt keine strukturierte Vorgehensweise zum Nulltarif und kein projektspezifisches Vorgehensmodell "auf Knopfdruck". Es wird immer eine intellektuelle Anstrengung benötigt, um für ein IT-Projekt in einer sich rasch wandelnden Zeit die passende Vorgehensweise zu finden, die den Bedürfnissen der Entwickler wie der Organisation Rechnung trägt. Die Instrumente hierfür sind jedenfalls vorhanden.

Michael Tonndorf

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Letzte Änderung: 2010-08-17 durch Dr. Oliver Linssen