Bericht zur zweiten GI-Fachtagung „Projektmanagement + Vorgehensmodelle (PVM 2015): Hybride Projekte erfolgreich umsetzen“

Von: Prof. Dr. Martin Engstler, Sprecher der GI-Fachgruppe WI-PM

 

Am 22.10. und 23.10.2015 fand die zweite GI-Fachtagung „Projektmanagement + Vorgehensmodelle (PVM2015): Hybride Projekte erfolgreich umsetzen“ der Gesellschaft für Information (GI) statt. Die Tagung wurde von Herrn Prof. Dr. Martin Engstler (Hochschule der Medien, Sprecher der GI-Fachgruppe Projektmanagement), Herrn Alexander Volland (Union IT, stv. Sprecher der GI-Fachgruppe Projektmanagement) und Herrn Prof. Dr. Eckhart Hanser (DHBW Lörrach, Sprecher der GI-Fachgruppe Vorgehensmodelle) organisiert. Gastgeber war in diesem Jahr die Nordakademie, deren Präsident, Prof. Dr. Stefan Behringer, die rund 90 Teilnehmer in Elmshorn begrüßte. Prof. Dr. Joachim Sauer, Leiter des Fachbereichs Informatik an der Nordakademie, unterstrich die Bedeutung agiler Vorgehensmodelle in der Lehre und in der Wirtschaftspraxis und freute sich, dass die GI-Fachgruppen die spannende Tagung in diesem Jahr nach Norddeutschland brachten. Die Fachgruppe IT-Projektmanagement der GPM hat sich als Kooperationspartner beteiligt.

Foto: Rund 90 Teilnehmer folgten der Einladung zur PVM 2015 nach Elmshorn

Mit dem Leitthema „Hybride Projekte erfolgreich umsetzen“ wurden vor allem die Frage in den Mittelpunkt gestellt, wie die Unternehmen die Vorteile klassischer und agiler Projektmethoden in hybriden Ansätzen miteinander verbinden können und welche Erfolgsfaktoren bei der Umsetzung zu beachten sind. Im Mittelpunkt stand dabei das IT-Projektmanagement, wenngleich der methodische Ansatz inzwischen auch in anderen Anwendungsfeldern erfolgreich eingesetzt wird. Wie bereits bei der ersten PVM-Tagung in 2014 wurden auch die Beiträge der PVM 2015 in einem Tagungsband zusammengefasst und in den GI Lecture Notes in Informatics (Band 250) veröffentlicht.

 

Die zweitägige Fachtagung PVM 2015 kombinierte wie im Vorjahr drei Veranstaltungsformate. Das Hauptprogramm der Tagung umfasste acht ausgewählte Beiträge aus Praxis und Wissenschaft zu konzeptionellen Ansätze und Erfahrungen beim Einsatz eines hybriden Projektmanagements, die einen Review-Prozess durchlaufen hatten (Annahmequote 33%). Die eingeladenen sieben Future Track-Vorträge lieferten weitere Impulse in Form von (teilweise provokanten) Thesen und gaben Einblicke in innovative Konzepte, Methoden und Tools für ein hybrides Projektmanagement. Zur Vertiefung und zum themenbezogenen Erfahrungsaustausch der Teilnehmer vor Ort wurden an beiden Konferenztagen zahlreiche Open Spaces angeboten, die gut besucht waren.

 

Der erste Veranstaltungstag eröffnete mit der Keynote von Guido Zockoll, der unter dem Titel „Komplex, oder doch nur kompliziert? Was Projektleiter von Schachspielern lernen können“ den Teilnehmern die Parallelen zwischen einem Schachspiel und einem hybriden Projektverlauf aufzeigte. So ist die Eröffnungsphase beim Schachspiel – ähnlich den ersten Schritten im Projekt – noch routiniert und schnell zu meistern (z. B. Standarderöffnungen beim Schach), mit voranschreitendem Verlauf werden brauchen Entscheidungen mehr Zeit bzw. sind von Überraschungen und höherer Komplexität geprägt, beim Endspiel kann wieder auf Muster zurückgegriffen werden.

 

Einen ähnlichen episodenbezogenen Methodenwechsel kann man im Projekt beobachten, hybride Vorgehensweisen wären daher die naheliegende Konsequenz. Die Keynote von Paul Hilmer und Karl Pollok am zweiten Veranstaltungstag mit dem Titel „Agil & Klassisch - Projekt & Linie: Die Integration vermeintlicher Gegensätze“ zeigte anhand einer Zeitreise, wie agile Ansätze im Projektmanagement schrittweise implementiert werden können und letztendlich auch im Projektportfoliosteuerung integriert werden können.

 

Die acht gereviewten Fachbeiträge im Hauptprogramm gaben Einblicke in Konzepte, Erfolgsfaktoren und praktische Einsatzerfahrungen hybrider Projektstrukturen in Unternehmen. Ralf Kneuper gab den Teilnehmer zunächst einen Überblick über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von klassischen und agilen Vorgehensmodellen, reflektierte die zu Grunde liegenden Ideen und ordnete aktuelle Trends entsprechend ein.  Darauf aufbauend stellten Axel Kalenborn und Sascha Stadlbauer einen kennzahlenbasierten Ansatz zur Auswahl eines geeigneten Vorgehensmodells für die Projektabwicklung vor, der erfolgsrelevante Projekteigenschaften sowie die Koordinationsmechanismen der Vorgehensmodelle berücksichtigt.

 

Einen Einblick in die Umsetzung agiler bzw. hybrider Projektmanagement-Praktiken in einem besonderen Kulturkreis (hier: Saudi-Arabien und islamische Kultur) gaben Helge Nuhn und Bernhard Frühlinger. Sie verdeutlichten dabei die Bedeutung der Methodenauswahl und des Einsatzes entsprechender Tools für hybride Projekte und betonten den Nutzen agiler bzw. hybrider Ansätze auch für nicht-IT-fokussierte Projekte (hier: Organisationsprojekt im Auftrag des Gesundheitsministeriums in Saudi-Arabien) und hoben vor allem den Einsatz von Kommunikationsinstrumenten in den Teamprozessen. Der Beitrag wurde zudem mit den Best Paper-Award 2015 der Fachgruppe WI-VM ausgezeichnet (siehe Foto).

Foto: Überreichung des Best Paper Awards 2015 an Dr. Helge Nuhn und Bernhard Frühlinger von Horváth & Partner durch Prof. Dr. Oliver Linssen (Fachgruppe WI-VM)

Hybride Projekte sollen die Vorteile klassischer und agiler Ansätze nutzensteigernd verbinden, so das Fazit von Anna Aldushyna und Martin Engstler, die Ergebnisse einer Untersuchung zu Erfolgsfaktoren bei der Umsetzung hybrider Projekte in einem Unternehmen vorstellten. Die vergleichende Analyse klassischer und hybrider Projekte verdeutlichte die Bedeutung der zu schaffenden Rahmenbedingungen für hybride Projekte und leitete praktische Empfehlungen zur Etablierung hybrider Projekt im Unternehmen (u.a. Anpassung der Rollenkonzepte, Flexibilisierung in der Projektmanagementkultur, angepasste Regeln der Gesamtprojektsteuerung, unterstützende Kommunikationsregeln) ab. Unter dem Leitbegriff „Hybrid ist Pflicht“ stellte Wolfram Müller ein Critical Chain Projektmanagement (CCPM) als erprobtes Methodenset, um Fluss und Agilität in Projekten zu ermöglichen um hierdurch zu einer hochskalierbaren agilen Projektorganisation zu gelangen. Dimitri Petrik stellte ein hybrides Projektkonzept zur der Versionserstellung am Beispiel einer Point-of-Sale Software vor, bei dem heute - zum Teil bewusst und zum Teil unbewusst - sowohl klassische- als auch agile Vorgehensmodelle des Projektmanagements bei Managed Software Tests in unternehmensübergreifenden Konsortien angewandt. Der Beitrag von Alexander Krieg fasste mit der These „Scrum ist leicht aber nicht einfach“ die Herausforderungen bei der Umsetzung agiler Projekte bzw. agiler Anteile in hybriden Projekten anschaulich zusammen. So sollte das Hauptaugenmerkt bei der Umsetzung agiler bzw. hybrider Ansätze nicht nur um die Einführung neuer Prozesse, sondern vielmehr um die damit einhergehende Veränderung der Arbeitskultur sowie der vorherrschenden Kommunikations-, Führungs- und Denkmuster. Das sei, so sein Fazit, der schwierige Teil der Umsetzung in den Unternehmen, die Grundidee von Scrum ließe sich hingegen auch auf einem Bierdeckel skizzieren.

 

Die sieben eingeladene Future Track-Beiträge ergänzten das Hauptprogramm um provokante Thesen sowie Berichte zu konzeptionellen Rahmenwerken, technischen Umsetzungsansätzen sowie Managementherausforderungen. Diskutiert wurden hierbei u.a. Ansätze zur Skalierung von agilen Ansätzen (Patrick Daut), Self-Enforcing Networks als Tools zur Auswahl eines geeigneten (ggf. hybriden) Vorgehensmodells in IT-Projekten (Christina und Jürgen Klüver) oder einen kooperativen Ansatz für die Softwareentwicklung im Maschinenbau (Martin Jud, Jörg Hofstetter). Auch die Managementseite wurde reflektiert: so standen Aspekte wie die Symbiose von technischer und kultureller Agilität (Philipp Diebold, Steffen Küpper, Thomas Zehler), die Implikationen aus der Situation, dass das Business setzt die Prioritäten in IT-Projekten setzt (Sixten Schockert), die Entwicklung und Umsetzung eines Controlling-Ansatzes für hybride Projekte (Klaus Schopka) oder die Überführung von Erfahrungen in praxisorientierte Handlungsempfehlungen für Projektmanager in hybrider Projekte (Torsten Koerting) in der Diskussion der Teilnehmer.

 

Die Teilnehmer nutzten die im Programm eingeplanten Open Spaces zur Diskussion der Berichte, Impulse und Thesen aus dem Hauptprogramm und den Future-Track-Beiträgen, teilweise wurden Themen auch schon zur Tagung mitgebracht. Im Mittelpunkt vieler Open Spaces standen vor allem Umsetzungsaspekte bei agilen bzw. hybriden Projektmanagementansätzen sowie den erforderlichen Kulturwandel in den Unternehmen. Über das IT-Projektmanagement hinausgehend wurde auch ein Unternehmenswandel gefordert, der ein agiles Denken und Handeln als wichtigen Ansatz einer Unternehmensentwicklung integriert. Die vielen Facetten des Wandels machen das zu einer komplexen Aufgabe.

 

Mit einer Zusammenfassung der Fachbeiträge beider Tage und einer Reflektion der begleitenden Open Space Ergebnisse endete die erste gemeinsame Tagung der GI-Fachgruppen WI-PM und WI-VM. Die Teilnehmer und Veranstalter zogen ein positives Gesamtfazit, das Veranstaltungsformat soll im Herbst 2016 mit der dritte Tagung PVM2016 fortgesetzt werden.

Foto: Die Veranstalter Prof. Dr. Martin Engstler (Sprecher WI-PM), Prof. Dr. Eckhart Hanser (Sprecher WI-VM), Alexander Volland (Stv. Sprecher WI-PM) und Prof. Dr. Sauer (Nordakademie, Elmshorn)

Der Tagungsband wurde in den GI Lecture Notes in Informatics (Band P250) veröffentlicht:

Engstler, M.; Fazal-Baqie, M.; Hanser, E.; Mikusz, M.; Volland, A. (Hrsg.): Projektmanagement und Vorgehensmodelle 2015. Hybride Projektstrukturen erfolgreich umsetzen, Lecture Notes in Informatics (LNI) - Proceedings, Volume P250, Bonn: Gesellschaft für Informatik 2015
(ISBN 978-3-88579-644-2)

Letzte Änderung: 2016-01-08 durch Masud Fazal-Baqaie